Wie im vorigen Artikel versprochen nehmen wir euch diese Woche mit auf ein kleines Zeltabenteuer! Der Plan, zwei Nächte im Fjäll zu übernachten, stand bereits Monate vor der Abreise. Doch wo genau, das wollten wir nicht festlegen. Wir waren überzeugt davon, dass wir spüren werden, wo der richtige Ort ist. Nachdem wir dann während der Reise immer wieder Ideen hatten und sie weiter entwickelten, um sie dann wieder für eine neue Idee zu verwerfen, führte uns die Begegnung mit dem Goldregenpfeifer, von der wir euch vor 14 Tagen erzählt haben, letztlich zum richtigen Ort.
Dieses Plätzchen im Fjäll bot alles, was wir brauchten. Es war gut erreichbar, was uns wichtig war, da wir sowas vorher noch nie gemacht haben. Wir wollten es schließlich nicht gleich übertreiben mit dem Abenteuer. Außerdem gab es einen kleinen Fluss, in dessen Nähe wir unser Zelt aufschlugen, um unbegrenzt Wasser zur Verfügung zu haben. Und, für uns ebenfalls absolut wichtig: Die Aussicht war grandios. Wir blickten direkt auf einige sanfte Berghänge, die sowohl morgens als auch abends seitlich von der Sonne angeleuchtet werden würden. Außerdem gab es unendlich viele Rentierpfade, die uns auf die eine oder andere Begegnung hoffen ließen.

Kapriolen
Ka|pri|o|le 1. [drolliger] Luftsprung, 2. launenhafter, toller Einfall; übermütiger Streich (Duden); Variante: Wetterkapriole
Der einzige Haken: Am folgenden Nachmittag waren Gewitter angesagt. Gewitter und Fjäll sind jetzt nicht gerade die beste Kombination, also beschlossen wir, das Gewitter abzuwarten und anschließend loszuziehen. Das Gewitter blieb aus – doch der Wind nahm immer mehr zu. Selbst im Tal gab es so kräftige Böen, dass der Camper ordentlich wackelte. Trotzdem packten wir unsere großen Rucksäcke mit allem, was wir so brauchten. Immer wieder hielten wir inne und überlegten: wollen wir das wirklich? Doch am Ende entschieden wir uns gegen die Komfortzone und für das Abenteuer.
Wir haben natürlich auch Fotosachen mitgenommen, die die Rucksäcke ganz schön füllten und um so schwerer machten. Im Vorfeld haben wir uns bereits schon einige Gedanken gemacht, was wir genau mitnehmen und den Plan vor Ort dann doch über den Haufen geworfen. Nach der Begegnung mit dem Goldregenpfeifer zuvor wollten wir nichts dem Zufall überlassen. Deswegen hat Daniel noch das 200-800 eingepackt, das eher nicht für Kompaktheit und wenig Gewicht bekannt ist…
Kaum hatten wir den Camper verlassen, begann es zu regnen. Klar. Aber da wir das bekanntlich gewohnt sind, ging es trotzdem los. Etwa 1 1/2 Stunden Fußmarsch lagen vor uns, vorbei an einem See, über einen großen Fluss und dann langsam aber sicher bergauf. Als wir nach etwa einer Stunde den Rand der Hochebene erreichten, regnete es noch immer. Der Wind war so heftig, dass wir ihm gelegentlich für einen Moment den Rücken zudrehen mussten, um der betroffenen Gesichtshälfte zumindest eine kurze Pause zu gönnen. Wir blieben stehen und schauten auf die traumhafte Landschaft, die nun vor uns lag. Das meiste hatten wir geschafft. Aber – waren wir eigentlich in der Lage, bei diesem Wind das Zelt aufzubauen? Mal ganz abgesehen davon, dass ALLES an uns nass war…
Gedanken an eine Wolldecke und die Standheizung kamen auf. Wie viel Sinn machte es wirklich, bei diesem Wetter weiter zu gehen? Ein erneuter Blick in die Wetter App zeigte keine Besserung. Frustriert gaben wir uns dann doch geschlagen und liefen den ganzen Weg wieder runter. Am Camper angekommen schälten wir uns aus den nassen Regensachen und machten uns einen gemütlichen Abend. Dabei ließen wir den Tag noch einmal Revue passieren. Wir kamen zu dem Schluss: Wir haben alles richtig gemacht. Dass wir es versucht haben – denn sonst hätten wir den ganzen Abend gezweifelt. Und dass wir abgebrochen haben – denn niemals hätten wir bei dem Wind das Zelt aufgebaut gekriegt und an eine ruhige Nacht wäre auch nicht zu denken gewesen…

Zweiter Versuch
Doch aufgeschoben ist ja bekanntlich nicht aufgehoben. Also ging es am nächsten Tag gleich nach dem Frühstück los. Ein bisschen packten wir noch um, denn durch den Abbruch am Vortag blieb uns nur noch eine Nacht für unser Zeltabenteuer. Wir konnten also zum Beispiel das eine oder andere Essen wieder auspacken. Und dann ging es los. Nachdem der Wind den Camper die ganze Nacht über durchgeschaukelt hatte, hatte er in den Morgenstunden deutlich nachgelassen. Nur noch einzelne mittelstarke Böen erinnerten an den Sturm vom Vortag. Die Sonne kam immer wieder raus und entschädigte für den vielen Regen. Die Wege waren ordentlich matschig und zeigten uns, wie viel Wasser dann doch vom Himmel gekommen war.


Nach etwas weniger als einer Stunde erreichten wir den Punkt, an dem wir am Abend vorher umgedreht waren. Wir blieben noch einmal kurz stehen und sahen uns um. Kein Vergleich zu gestern Abend. Also gingen wir weiter. Irgendwann erreichten wir den Fluss, an dem wir unser Zelt aufschlagen wollten. Wir suchten eine möglichst ebene Stelle, was quasi unmöglich war… Doch irgendwann hatten wir ein Plätzchen gefunden und wir richteten unser kleines Zuhause auf Zeit ein. Es war früher Nachmittag und wir genossen einfach erstmal die Zeit. Daniel fotografierte ein bisschen, ich packte meinen Aquarellblock aus und malte ein paar Fjällpflanzen. Der kühle Wind kündigte eine kalte Nacht an, während ein Regenbogen die ohnehin leuchtenden Fjällfarben noch surrealer erschienen ließ.
Irgendwann warfen wir den Kocher an, um uns ein Abendessen zu machen. Wir hatten uns dafür ins Zelt zurück gezogen, um uns ein wenig vor dem Wind zu schützen. Plötzlich sah ich durch die Zeltöffnung zwei Rentiere! Wir schalteten den Kocher wieder aus und schnappten uns die Kameras, die wir genau für solche Momente griffbereit hatten. Rentiere sind einfach wunderbare Tiere, so schlank und klein und mit diesen teilweise riesigen Geweihen auf dem Kopf – da spielt es für uns keine Rolle, dass irgendwo ein Mensch sitzt, der diese Hirsche als sein Eigentum betrachtet.



Abend- und Morgenlicht…
Nach dem Abendessen dauerte es noch eine ganze Weile, bis die Sonne unterging. Wir hielten uns mit einem heißen Tee warm, denn die Temperaturen waren schon deutlich im einstelligen Bereich. Wir nutzten das wunderbare Licht für einige abstrakte Landschaftsfotos, schlürften noch einen Kakao und krochen in unsere Schlafsäcke. Während Daniel schnell einschlief, hatte ich mit der Kälte zu kämpfen. Stundenlang lag ich noch wach und zitterte mich warm. Als ich irgendwann aufwachte, freute ich mich riesig. Aus mehreren Gründen: Dass ich hier im Fjäll in meinem Schlafsack lag, dass ich offensichtlich geschlafen hatte und vor allem, dass mir rundrum warm war. Und so drehte ich mich um und schlief weiter, bis Daniel mich um kurz nach 4 weckte. Der Sonnenaufgang stand bevor…
Es war eisig kalt, laut Wetter-App um null Grad. Der Wind hatte vollständig nachgelassen. Der nächtliche Regen hatte – anders als erhofft – leider keine weiß gepuderten Berggipfel gezaubert, aber man muss es eben nehmen wie es kommt. Der Licht war magisch, auch wenn erst lange nach Sonnenaufgang die Sonnenstrahlen auf die Landschaft fielen. Schnell wurde das Licht hart, sodass wir uns wieder in den Schlafsäcken verkrochen. Und wieder: Daniel schlief sofort ein, ich zitterte mich erstmal warm… und schlief nicht mehr. Irgendwann weckte ich Daniel, weil mein Kaffeedurst zu groß wurde.

Fjällimpressionen


















Und so schlürften wir erstmal eine Tasse Kaffee und machten dann langsam Frühstück. Und wieder: Mitten beim Frühstück kamen Rentiere vorbei! Dieses Mal waren es einige mehr und sie liefen entspannt in sicherer Entfernung an uns vorbei. Immer wieder blieben sie stehen, um zu fressen. Hunderte Bilder später waren sie hinter einem Hügel veschwunden. Wir waren absolut glücklich. Wir hatten fast alles bekommen, wir uns erhofft hatten. Ruhige Stunden in der Nachmittagssonne, unerwartete Begegnungen mit Tieren, spannendes Licht in der goldenen Stunde, nächtliche Stille und das wohlige Gefühl, bei Regen in einem Zelt zu sein.
Dieses kurze Zeltabenteuer hat uns auf jeden Fall gezeigt: Daran haben wir Spaß und wir lieben die Unvorhersehbarkeit eines solchen Vorhabens. Ganz bestimmt werden wir das im nächsten Jahr wieder machen. Wo genau – das wird sich herausstellen. Wir werden schon merken, wo der richtige Ort ist. 🙂
Ausblick
Im nächsten Blogartikel geht es um unsere Foto-Highlights im September! Dazu gibt es eine kleine Inspiration für Fotomöglichkeiten im Oktober. Also schaut unbedingt vorbei!
Bis dahin, bleibt gesund und kreativ!
Christine
naturgezwitscher
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