Das Canon RF 100-400mm in der Praxis – ein erster Erfahrungsbericht
Warum eigentlich noch ein Teleobjektiv?
Wir sind mit Teleobjektiven bestens ausgestattet und haben jeweils unseren Favorit sehr oft dabei – Aber warum haben wir uns noch das Canon RF 100-400mm dazu gekauft?
Die kurze und einfache Antwort darauf ist: Größe und Gewicht.
Wenn wir etwas ausholen: Für unser kleines Zeltabenteuer wollten wir unbedingt noch ein kleines und leichtes Teleobjektiv haben, das ohne groß aufzutragen mit in den (eh schon vollen) Wanderrucksack passt. Wir hatten das Objektiv vor einiger Zeit kurz ausprobiert und in guter Erinnerung behalten, denn es erfüllt unsere Wünsche genau: Guter Brennweitenbereich, Kompakt, Leicht und die Abbildungsleistung war auch gut. Kurz vor unserem Urlaub traf es bei uns ein und seitdem hat es uns mehr als einmal überrascht. Nicht immer ist das größte und leistungsstärkste Objektiv draussen in der Natur die beste Wahl. Gerade bei spontanen Foto-Ausflügen ohne konkretes Ziel, längeren Wanderungen oder bei einem eh schon vollen Rucksack stellt sich oft die Frage, welche Ausrüstung man überhaupt mitnimmt und ob das „bessere“ Objektiv seine Stärken überhaupt ausspielen kann.
Genau hier soll das Canon RF 100-400mm seinen Platz finden. Als kleine und leichte Ergänzung bzw. Alternative, die wir oft dabei haben können. Die vorhandenen Objektive soll es nicht ersetzen.
Ob dieser Gedanke auch in der Praxis aufgeht und ob wir dafür Kompromisse eingehen müssen, möchten wir in diesem ersten Erfahrungsbericht herausfinden.

Größe und Gewicht
Beim Auspacken stellte sich uns kurzzeitig die Frage, ob in dem Paket überhaupt ein Objektiv ist. Doch ja, da in einer Luftpolsterfolie ist noch ein kleinerer schwarzer Karton und darin ein unscheinbares Objektiv. Als wir es dann in der Hand halten, müssen wir erst einmal ungläubig nachsehen, ob uns das richtige Objektiv geschickt wurde. So klein und leicht ist es!
Eigentlich sagt das auch schon alles, denn für ein 100-400mm Objektiv ist es wirklich kompakt und leicht. In unserer Erinnerung war es etwas größer und schwerer.

Hier haben wir es für euch zum Vergleich zwischen das EF 100-400mm und RF 100-500mm Objektiv gelegt. Was vor allem auffällt, ist der deutlich kleinere Durchmesser, sowie die ca. 165mm kurze Baulänge. Je nach Tiefe des Rucksacks kann man es ggf. dadurch auch stehend transportieren. Aus der Praxis kann ich sagen: in einem Nya-Evo Fjord mit M oder L-RCI (Vergleichbar mit F-Stop und Shimoda Rucksäcken mit M oder L-Einsatz) geht das nicht, erst im neuen Nya-Evo Fjord 80 mit XXL RCI oder ähnlich tiefem Rucksack ist das kein Problem.
So oder so nimmt es deutlich weniger Raum ein und wir nehmen es dadurch häufiger mit.
Das Gewicht von ca. 633g können wir euch schlecht zeigen, es ist aber wirklich super leicht für ein Objektiv mit der Brennweite. Zum Vergleich: das RF 100-500mm inkl. Stativplatte wiegt mit ca. 1600g mehr als das doppelte, das EF 100-400mm inkl. dem EF-RF Adapter und RRS-Fuß 1740g sogar annähernd das dreifache! Die Gewichte haben wir selber nachgewogen und sind jeweils ohne Deckel und Gegenlichtblenden.
Handling
Die nackten Zahlen zu Größe und Gewicht sagen in der Regel wenig darüber aus, wie sich ein Objektiv in der Praxis anfühlt. Doch hier stimmt das Gefühl in der Praxis mit dem Datenblatt überein. Durch den geringeren Durchmesser liegt es sehr gut und angenehm in der Hand, dazu ist es sehr ausbalanciert. Ausgefahren ändert sich der Schwerpunkt nur minimal nach vorne, was uns sehr gut gefällt und kaum auffällt. An unserer EOS R6 ist die Balance insgesamt etwas mehr in Richtung Objektiv verschoben, an der EOS R5 hingegen sehr ausgeglichen. Man kann das Objektiv mit der Kamera super auch in einer Hand halten und nutzen.
Generell macht das RF 100-400mm total Spaß, da es so klein, leicht und handlich ist. Es ist nicht „im Weg“ beim Fotografieren und bietet so Raum für die freie kreative Entfaltung.
Der Zoom-Ring ist schön breit und lässt sich mit einem angenehmen Widerstand drehen. Eine Drehung von etwa 90° reicht aus, um von 100mm auf 400mm zu zoomen. Da können sich andere Objektive eine Scheibe von Abschneiden (200-800, ja, du bist gemeint ;-)). Durch seine Form ist er auch mit Handschuhen tastbar. Der Fokusring ist weiter vorne am Objektiv positioniert. Er lässt sich gut erreichen und hat einen geringeren Widerstand beim Drehen, was sehr angenehm ist. So kann man z.B. mit dem Zeigefinger fokussieren / in den Fokus eingreifen, während man mit dem Daumen und Mittelfinger den Zoom-Ring bedient. Noch weiter vorne ist der Control Ring, auf den man diverse Funktionen, wie z.B. die Belichtungskorrektur, legen kann.
Das Gehäuse ist aus einem harten und sich ganz wertig anfühlendem „Plastik“ hergestellt. Es scheint etwas empfindlich gegenüber Kratzern zu sein.
Bildeindruck
Neben dem Handling ist natürlich auch die Bildqualität bzw. der Bildlook oder Charakter eines Objektivs einer der wichtigsten Punkte. Vorab: wir haben keine Testcharts oder Backsteinwände fotografiert, unsere Eindrücke stammen direkt aus unserer Zeit draussen in der Natur. Das RF 100-400mm hat uns hier überrascht, denn es ist nicht nur klein und leicht, sondern auch scharf und hat einen Charakter. Erwartet haben wir eine gute, aber nicht herausragendes optische Leistung, und dazu ein Bokeh, welches „in Ordnung“ ist.
Bekommen haben wir eine überraschend sehr gute optische Leistung mit einer top Schärfe und vielen Details, gepaart mit einem Bokeh mit Charakter. Gerade dieser Charakter fehlt vielen neueren Objektiven, die immer fehlerfreier, schärfer und perfekter werden. Beim RF 100-400mm zeichnet er sich durch die Art und Weise aus, wie der Vorder- und Hintergrund in der Unschärfe gezeichnet werden. Es ist kein butterweicher Übergang, gleichzeitig ist er aber auch nicht zu hart, sondern kontrastreich und gefällig. Das gefällt uns besonders gut an dem Objektiv – manchen mag dies aber auch ggf. zu „harsch“ sein.




Die Bildschärfe ist sehr gut und für uns in der Praxis mehr ausreichend. Bitte auf Retina or HiDPI Displays die Skalierung beachten, wodurch die Screenshots ggf. weicher wirken können.
Fotografieren in der Praxis
Euch wird mit Sicherheit aufgefallen sein, dass wir bisher nur vom RF 100-400mm gesprochen haben und die Blende nicht erwähnt haben. Das liegt einfach daran, dass diese für uns gar nicht so wichtig ist und uns das Handling und der Charakter wichtiger sind. Gleichzeitig ist dies aber auch der Elefant im Raum, da die Offenblende von 5.6 – 8 nicht gerade „Lichtstärke“ und Freistellung schreit. Das ist natürlich richtig, über die Physik kann sich das Objektiv nicht hinweg setzen. Die Blende kann abschreckend wirken. In unserer Praxis und mit unserer Art der Fotografie spielt diese aber tatsächlich keine große Rolle. Einschränkungen hatten wir bisher keine dadurch, im Gegenteil: Wir sind kreativ geworden und haben den Vordergrund stärker eingebaut. Der Autofokus arbeitet leise und zügig. Sicherlich kann er nicht mit einem L-Objektiv mithalten, ist aber dennoch für die meisten Situationen (auch mit Tieren) ausreichend schnell. Einen Fokus Limiter gibt es nicht. Der Bildstabilisator arbeitet sehr gut und ist recht leise. Man kann ihn zwar nur Ein- oder Ausschalten (wie bei „normalen“ Canon Objektiven üblich), für die meisten Fälle reicht das aber. Die Stabilisierung ist sehr gut und arbeitet auch im Videomodus einwandfrei.
Der Umgang mit Licht ist unserer Meinung nach ein Riesen Pluspunkt für das Objektiv. Das hat uns richtig überzeugt. Das erste oder letzte Licht das Tages verwandelt das 100-400 in einen wunderschönen Glow.



Gerade die ICM Fotografie macht mit dem Canon RF 100-400m f/5.6-8 richtig Spaß. Der Stabilisator lässt sich sehr schnell zu ICMs „überreden“ und durch das kompakte und leichte Objektiv fallen die Bewegungen sehr leicht. Für Telemakros eignet es sich dank der Naheinstellgrenze von knapp 105cm bei 400mm auch gut (0,41-fache Vergrößerung), dazu ist es auch im Nahbereich scharf.







Im Vergleich zum RF 100-500mm und EF 100-400mm
Nutzt ihr eure anderen Objektive überhaupt noch? Ja, auf jeden Fall!
Für Daniel ist das RF 100-500mm immer noch einer der besten Allrounder. Der Autofokus, Bildstabilisator und die jeweiligen Einstellmöglichkeiten sind nochmal eine merkliche Ecke besser, dazu hat es 100mm mehr am langen Ende. Dazu ist die reine Bildqualität besser. Beim Umgang mit Licht ist das RF 100-400mm allerdings klar vorne, genauso beim Packmaß, Handling und Gewicht. Das RF 100-500mm bleibt deutlich öfter Zuhause und er vermisst es nicht so oft. Auch bei einer Makro Tour stellt sich die Frage nun nicht mehr, ob ein Tele noch „für alle Fälle“ mit soll. Beim RF 100-400 muss man da nicht lange überlegen.
Für Christine kann das RF 100-400mm ihrem geliebten EF 100-400mm (Version 2) nicht den Rang ablaufen. Das Handling & für sie perfekte Gewicht für ICMs, der „schlechtere“ Bildstabilisator und der nochmals schönere Umgang mit Licht und die bessere Blende sprechen da für sich. Aber bei spontanen Touren oder Spaziergängen landet das RF 100-400 ohne Bedenken im Rucksack bzw. an der Kamera.
Unser erstes Fazit:
Überraschend gut! Wir haben richtig Spaß das Canon RF 100-400mm f/5.6-8 IS STM zu nutzen und damit zu fotografieren. Der größte Pluspunkt ist das Handling und das geringe Gewicht und dazu ein schöner Charakter und eine sehr gute Bildschärfe. Autofokus und Bildstabilisator arbeiten zuverlässig und gut. Und das, darauf sind wir bisher noch gar nicht eingegangen, zu einem Preis von aktuell (UVP) 789€! Man bekommt dafür ein richtig gutes Objektiv, welches eine Menge richtig macht und kaum Macken hat. Je nach Art der Fotografie kann die Offenblende von 5.6-8 ein Nachteil sein, für uns war das bisher aber kein Problem, da die Vorteile klar überwiegen.
Bei den ganzen lobenden Worten darf Kritik nicht fehlen. Das Objektiv ist nicht perfekt und auch nicht für jeden geeignet. Man sollte sich hier fragen: wie fotografiere ich und komme ich mit der Blende klar? In Grenzsituationen, z.B. bei der Tierfotografie in der Dämmerung, kommt man logischerweise mit der Blende und dem Autofokus schneller an die Grenzen, als mit einem „besseren“ Objektiv. Auch bei der Freistellung gibt es „bessere“ (= größere, schwerere und teurere) Objektive. Der größte Nachteil in unseren Augen ist die mangelnde Wetterfestigkeit. Wir landen ja gerne mal in kleinen oder größeren Schauern, da wäre eine ordentliche Abdichtung super. Ein paar Tropfen machen dem Objektiv nichts, jedoch würden wir es nicht aktiv im Regen nutzen. Einen Fokusbegrenzer und einen Schalter für den IS Modus würden wir uns ebenfalls wünschen. Wir sind super zufrieden, dass wir uns das RF 100-400 als Ergänzung zugelegt haben und freuen uns schon auf weitere Einsatzmöglichkeiten damit. Ein weiterer Bericht dazu folgt irgendwann als Langzeiterfahrung.
Habt ihr Fragen zu dem Objektiv? Stellt sie gerne in den Kommentaren!
Bleibt kreativ,
Daniel





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